Höckes r- und K-Strategen

 

Die Medien treiben derzeit wieder eine Sau durchs Dorf. AfD-Politiker Bernd Höcke bezeichnete die Afrikaner als „lebensbejahenden Ausbreitungstyp“ und die Europäer als „selbstverneinenden Platzhaltertyp“. Erstere setzte er dann mit dem aus der Verhaltensbiologie bekannten Typ r gleich, letztere mit K. Damit ist Folgendes gemeint: r-Strategen zeichnen sich u.a. durch rasche Individualentwicklung aus, pflanzen sich früher fort und bringen pro Wurf mehr Kinder auf die Welt. Der K-Typ dagegen setzt verstärkt auf Brutpflege, er „päppelt“ seine Kinder sozusagen auf, er investiert in sie, während Typ r sie eher „von Gott aussortieren“ lässt. Natürlich sind Menschen laut dieser Definition eindeutig K-Strategen. Aber r/K ist ja nur ein typologisches, theoretisches Konzept, welches immer relativ zu sehen ist!

Soziobiologie Eckart Voland schreibt dazu in seinem Standartwerk „Soziobiologie“ (Springer-Verlag Berlin, Auflage von 2013) im Abschnitt „Menschen sind flexible K-Strategen“ (S. 166):

Allein schon angesichts ihrer vergleichsweise geringen Fruchtbarkeit, langen Jugendentwicklung und beachtlichen Lebenserwartung rangieren Menschen weit auf der K-Seite des r/K-Gradienten. Allerdings lässt sich eine durchaus nennenswerte Variabilität, sowohl im Populationsvergleich als auch im interindividuellen Vergleich, innerhalb einer Population in Bezug auf lebensstrategische Parameter beobachten. Man denke nur an den Unterschied in der realisierten Fruchtbarkeit, wie sie in den westlichen Industriestaaten vorherrscht und nicht einmal zur bloßen Regeneration der Bevölkerung ausreicht […] Angesichts dieser Unterschiede hat sich schon früh die Frage gestellt, ob das Konzept von „r-“ versus „K-Strategie“, das zwar zur Erklärung von genetisch weitgehend fixierten Artunterschieden entwickelt wurde, nicht sinngemäß auch menschliche Unterschiede zu erklären vermag.  Schließlich beobachtet man Unterschiede in individuellen Lebensvollzügen, die analog zum „r/K-Konzept“ unterschiedlich stark ausgeprägte Fluktuationen in den sozio-ökologischen Lebensbedingungen einschließlich unterschiedlicher extrinsischer Mortalitätsrisiken abbilden. Wenngleich Menschen also K-Strategen sind, sind sie das auch auf verschiedene Weise. Idealtypisch vereinfacht lassen sich eher „langsame“ von „schnellen“ Lebensverläufen unterscheiden, wobei die „Geschwindigkeit“ des reproduktiven Verhaltens als konditionale und funktional-adaptive Antwort auf das Ausmaß individuell erfahrener Lebenssicherheit verstanden wird. […] Die Forschung zur Plastizität der K-Strategie des Menschen hat längst ihre ursprüngliche Domäne, nämlich die Darwinische Entwicklungspsychologie verlassen und strahlt weit in benachbarte Disziplinen aus, die – sei es mit demografischen, kulturvergleichenden oder anderen Methoden und Datensätzen – die Vielfalt der menschlichen Lebensverläufe mit einer einheitlichen evolutionären Theorie einzufangen versucht.

Man sieht also, Höcke ist also tatsächlich auf dem Stand der Forschung. Er hat sich lediglich etwas unklar ausgedrückt. Klar ist aber: derzeit sind die Afrikaner im Vergleich zu den Europäern (wie gesagt: relativ) eindeutig die r-Strategen! Ob hier neben der ökologisch-sozialen Situation auch noch genetische Faktoren mit hineinfließen ist prinzipiell jetzt gar nicht so wichtig. Der amerikanische Psychologie John Philippe Rushton („Rasse, Evolution und Verhalten“) würde es bejahen und hat Indizien dafür herausgearbeitet, u.a. die tatsächlich schnellere Individualentwicklung der Afro-Amerikaner im Vergleich zu den Weißen. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

PS: Die Medien behaupten ja auch, r/K wird nur auf Arten angewendet, nicht auf Unterschiede innerhalb der Arten. Stimmt aber nicht (siehe Wikipedia-Eintrag zu „R/K-Selection-Theory“: While usually applied at the level of species, r/K selection theory is also useful in studying the evolution of ecological and life history differences between subspecies, for instance the African honey bee, A. m. scutellata, and the Italian bee, A. m. ligustica.).

[Anmerkung: es geht hier auch nicht darum, wie viele Kinder derzeit geboren werden, sondern wie sich verhaltensökologisch gewisse Dinge auswirken: körperliche Entwicklung, Anzahl der Zwillingsgeburten, elterliches Investment etc., eben wie das alles abgewogen wird, eine gewisse Populationsgröße zu erreichen (auf lange Sicht soll die Verbreitung der Gene sowohl bei r und K gleich hoch sein, darum geht es)! Die Anwendung der r/K-Strategie auf den Menschen hat direkt nichts damit zu tun, dass z.B. die Europäer im 19. Jahrhundert viel höhere Geburtenraten hatten, das hängt natürlich von gesellschaftlichen Zuständen ab, nicht nur von stammesgeschichtlicher Programmierung.]

 

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