Eine Hypothese über die Entstehung der „alpinen Rasse“

In der physischen Anthropologie würde schon sehr früh die Existenz einer „alpinen Rasse“ postuliert: Die Menschen im Norden Europas eher hochwüchsig und hell pigmentiert sind, im Süden dagegen kleinwüchsig und dunkel. Beide Menschenschläge waren auch langschädlig; zweifellos hätte man nun annehmen können, dass es sich dabei nun nur um ein „Kontinuum“ handelt, in dem Eben sich die Merkmale langsam ändern. Also z.B. wenn wir die Landkarte hinunter wandern, werden die Menschen langsam kleiner etc. – jedoch schiebt sich zwischen die beiden Pole eine dritter Faktor, den man eben nicht in so ein Kontinuum eingliedern kann. In vielen Regionen Mitteleuropas sind die Menschen mittelgroß, mittel pigmentiert – aber, und jetzt kommt es: kurzköpfig und von eher gedrungenem Körperbau, im Gegensatz zu der schlanken, länglichen Körperkonstitution der Nord- und Südmenschen. Daher nahm man nun an, eine weitere Schicht hätte sich dazwischen gelegt.

Rainer Knussmanns weltbekanntes und einzigartiges Werk „Vergleichende Biologie des Menschen“ (1980/1996) beschreit diesen Menschenschlag unter dem Begriff „alpine Rasse“ wie folgt:

Mittelwüchsig, rundlich, graziler Knochenbau (pyknomorph); brachykephal, relativ steile Stirn; niedriges, rundliches Gesicht; kleine, schmale Nase mit rundlicher Kuppe und geradem, welligem oder konkavem Profil; mäßig dünne Lippen, wenig markantes Kinn; schlichtes oder leicht welliges, braunes Kopfhaar, braune Augen, helle (aber leicht bräunende) Haut). – Verbreitung: westliche Gebirgsgegenden Mitteleuropas (frz. Zentralmassiv, westl. Alpen, Apenninen, Süddeutschl.), Ungarn, Böhmen und Mähren, Bretagne, Baskenland.

Viel wurde über ihre Herkunft spekuliert. Fest steht, dass man sie, im Gegensatz zu den Nordiden und Mediterraniden keinen prähistorischen Stämmen und Kulturen direkt anschließen kann. Das ist ein Problem. Der amerikanische Anthropologie Carleton Steven Coon sah in ihnen eine „reduzierte“ Form der alt- und mittelsteinzeitlichen Europäern (seiner Brünn/Borreby/Cromagnon-Rasse), die entweder durch Selektion oder die Beimischung eines „grazil-mediterranen“ Elements eben verkleinert wurden. Andreas Vonderach dagegen schreibt in seiner „Anthropologie Europas“ (2008), davon, dass die Alpinen wohl eher eine „verrundete“ Form seien, die auf mehrere Ursprünge zurückgeht, davon aber zum Großteil, zumindest in Westeuropa, auf Mediterrane, also eine Abwandlung dieses Menschentyps. Anhand der DNS-Ergebnisse ist dies wahrscheinlich, schließlich liegt der Anteil der neolithisch-zugewanderten Gene in Deutschland in Süddeutschland stellenweise bei fast 50%, ohne dass die Deutschen dort in beträchtlichen Mengen dem mediterranen Phänotyp entsprechen. Dafür aber sehr oft dem dinariden (ein anderes Thema, für eine andere Zeit) und dem alpinen. Das sollten wertvolle Indizien sein, wenn es darum geht, das Geheimnis der alpinen Rasse zu entschlüsseln.

Dies ist nun nur der populationsgenetische Hintergrund: Die Menschen, die man klassisch als Alpine bezeichnet haben, scheinen von mehreren Wurzeln zu stammen, d.h. der französische Alpine  kann durchaus insgesamt mehr mit einem französischen Mediterranen verwandt sein, als mit einem deutschen Alpinen. Wichtig ist zu beachten, dass die Evolution NUR am Phänotyp ansetzen kann. Deshalb haben eben bei unterschiedlichen Formen ähnliche Selektionseffekte gewirkt.

Der Alpine wurde, wie von Coon angedeutet, oft als „Domestikationsform“ (siehe auch „Verhausschweinung des Menschen“ [Konrad Lorenz]) des Menschen gesehen. Wie eben das Schaf im Vergleich zum Mufflon, das Hausschwein zum Wildschwein und das Rind zum Auerochsen, sind die Alpinen eben das „Hausschwein“  im Vergleich zu den (Derb-)mediterraniden „Wildschweinen“ der Vorzeit.

alpine
Alpiner aus Coons „The Races of Europe“ (1939), man beachte die „rundlichen“, fast femininen Züge.
javierbardemhwofnov2012
Javier Bardem, ein modernes Äquivalent zu den prähistorischen „Grob-Mediterraniden“ des Neolithikums? Man beachte die harten, „maskulinen“ Konturen. Entwickelten sich die modernen Alpinen aus Vorformen, die ähnlich aussahen?

Wikipedia listet folgende Effekte, die bei der Domestikation von Wildtieren eintreten, wenn sie zu „Haustieren“ umgezüchtet werden:

  • Anatomische Veränderungen
    • Ausbildung von Rassen mit zum Teil gravierenden Unterschieden im Erscheinungsbild (zum Beispiel die beiden vom Wolf abstammenden Hunderassen Chihuahua und Bernhardiner)
    • Reduzierung des Gebisses[54] und von Hörnern
    • Reduzierung des Fells (zum Beispiel beim Hausschwein)
    • Farbänderung von Tarnfarben hin zu vielfältigeren, auffälligen Farbvarianten (zum Beispiel Goldfisch oder Koi)
    • Auftreten von Hängeohren
    • Steilere Stirn
    • Abnahme der Gehirnmasse um bis zu 34 Prozent, Rückgang der Furchung, insbesondere in den für die Verarbeitung der Sinneseindrücke bedeutsamen Gehirnarealen[55]
    • Reduzierungen im Verdauungstrakt
    • Verstärkung für den Menschen nützlicher Eigenschaften (zum Beispiel Milchleistung beim Rind)
  • Änderung der Ausprägung einiger Verhaltensweisen
    • Reduzierte Aggressivität
    • Weniger gut entwickeltes Flucht- und Verteidigungsverhalten
    • Gesteigerte Fortpflanzungsrate, teilweise bis zur vollständigen Aufgabe der Saisonalität der Fortpflanzung
    • Weniger stark ausgeprägtes Brutpflegeverhalten

Ohne darauf im Detail einzugehen, sollte dem mitdenkenden Leser gewisse Parallelen zu den Alpinen auffallen. Natürlich sind Menschen nie in dieser Form „gezüchtet“ worden; es handelt sich also um eine „Selbstdomestikation“ durch die Kultur, die eben Eigenschaften hervorbringt, die in gewissen Umwelten vorteilhafter sind. Die heute große Ausbreitung des alpinen Typus zeigt eben, dass er ein Erfolgsmodell ist, während z.B. der nordide Typus in den letzten Jahrhunderten verstärkt zurückging. Alpine sind durch ihr „schlichteres“ und „friedfertigeres“ Leben eben besser angepasst für eine moderne, pazifistische Gesellschaft!

Mittlerweile wissen wir durch die Evolutionsbiologie, dass die Domestikation in erster Linie durch Modifikationen der Neuralleiste (neural crest) hervorgeht.

Zahm und niedlich: Haustiere sind nicht nur im Verhalten anders als ihre wilden Verwandten, sie haben auch äußerlich typische Merkmale, wie weiße Fellflecken oder ein rundliches Gesicht. Woher das kommt, rätselte schon Darwin. Jetzt haben Forscher eine mögliche Erklärung dafür gefunden. Ein kleiner Zellklumpen im Embryo spielt darin eine Hauptrolle und eine überraschende Verbindung von Verhalten und äußeren Merkmalen.

Ja, die Gesichter der Haustiere sind oft rundlicher, die Ohren hängen, die Zähne kleiner, und dies ist bei allen Säugetieren so, weil eben die Neuralleiste verändert wird. Im selben Artikel kann man dann lesen:

„Was aber könnte der gemeinsame Faktor dieser Merkmale sein?“, fragten sich Wilkins und seine Kollegen – und fanden eine Antwort in der frühen Embryonalentwicklung aller Wirbeltiere. Denn viele Teile des Schädels, der Knorpel der Ohren, die Zähne, die Pigmentzellen der Haut und die Nebenniere haben ihren Ursprung in einer einzigen kleinen Gruppe von Stammzellen. Diese Zellen der sogenannten Neuralleiste bilden sich in der Nähe der Wirbelsäule des Embryos und wandern dann in die verschiedenen Körperteile aus.

Als unsere Vorfahren gezielt Tiere auf ihre Zahmheit hin züchteten, könnten sie unabsichtlich diejenigen ausgewählt haben, die leichte Defekte in der Neuralleiste hatten“, erklärt Wilkins. Solche Defekte können dazu führen, dass die Nebennieren weniger Stresshormone und Adrenalin produzieren. Das wiederum macht die betroffenen Tiere weniger ängstlich und aggressiv – es erzeugt also genau die Verhaltensmerkmale, die bei der Zucht von Haustieren erstrebenswert sind.

Gleichzeitig aber führen die Neuralleisten-Defekte auch zu leichten Fehlbildungen am Schädel, den Ohren und zu Pigmentstörungen in der Haut. Dies könnte daher auch die äußerlichen Gemeinsamkeiten der Haustiere erklären. Weil chemische Botenstoffe der Neuralleistenzellen auch für die Entwicklung des Gehirns eine wichtige Rolle spielen, wäre auch das oft kleinere Denkorgan der Haustiere mit einem solchen Defekt erklärbar, so die Forscher.

Viel mehr muss ich dazu auch nicht mehr schreiben. Hier scheint auch beim Menschen Selektion stattgefunden haben, Entwicklungsgene scheinen so mutiert und selektiert worden sein, und so wurden „Alpine“ hervorgebracht! Dies geschah vermutlich mehrmals in der Geschichte der Menschheit und stammt nicht aus einer Wurzel (was aber auch möglich wäre, da man ja nur eine kleine Menge Gene in eine Population einschleusen muss und sich diese dann rasch vermehren können, wenn sie deutliche Vorteile bringe -. aber Alpine sind, wie Vonderach in erwähntem Buch schreibt, recht vielseitig im Aussehen, wenn man eben von den paar klassischen Merkmalen absieht)

Und noch etwas aus dem Artikel:

Diese Hypothese eines Neuralleisten-Defekts bringt damit das scheinbare Sammelsurium von Merkmalen auf einen Nenner“, sagt Wilkins. Noch habe diese Idee zwar einige Unsicherheiten und Lücken, räumen die Forscher ein. Und auch die genetische oder epigenetische Basis dieser Theorie muss erst noch untersucht werden. Aber Vergleiche des Erbguts von Haustieren wie Ratte, Hund oder Schwein mit den entsprechenden Wildtypen könnten helfen herauszufinden, ob es diese Neuralleisten-Defekte tatsächlich gibt und wie sie sich genetisch manifestieren.

Ja, hier könnte auch die Populationsgenetik des Menschen mal nachforschen, nämlich schauen, wo die genetischen Gemeinsamkeiten der als kranometrisch „alpin“ eingestuften Menschen liegen. Das könnte auch gleichzeitig die Gene aufdecken, die die Entwicklung der Neuralleiste beinflussen etc. – wird trotzdem alles nicht passieren, weil klassische, morphologische Rassentypologie ist ja pfui!

I rest my case! Aber wenn sich da mal ein Wissenschaftler mal ran wagen sollte – wäre nett, man würde mich irgendwie erwähnen, als Mann, der die Idee hatte!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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